Warum ich den geordneten Atomausstieg unterstütze

Am 27. November 2016 haben die Schweizer und Schweizerinnen die Möglichkeit über die Volksinitiative „Für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie“ abzustimmen. In diesem Blog-Post lege ich dar, welche drei Pro-Argumente für mich die gewichtigsten sind und weshalb ich die Argumente der Gegner für überholt halte.

Die Initiative:

Kurz als Einleitung die zwei Hauptanliegen der Initiative:
– Erstens das Festschreiben einer Maximalbetriebsdauer von 45 Jahren für die Atomkraftwerke
– Eine Energiewende, die auf Einsparungen, Energieeffizienz und dem Ausbau der Erneuerbaren basiert.

Die wichtigsten Pro Argumente:

Der geordnete Atomausstieg schafft Sicherheit

Leider haben am 11. März 2011 die Kernschmelzen und Explosionen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi wieder in Erinnerung gerufen, dass eine unfallfreie Nutzung der Kernenergie nicht möglich ist. Mann muss hierbei von einem sogenannten GAU (grösster anzunehmender Unfall) sprechen. Nach dem Erdbeben, den kurz darauf eingetroffen Tsunami, dem damit verbundenen Stromausfall und menschlichen Unterlassungen (zum Grossteil vor der Katastrophe) konnten die Sicherheitssysteme eine Kernschmelze nicht verhindern. Durch die unzureichende Kühlung bildeten sich in drei Kernreaktoren explosive Gasgemische, bei deren Explosion die Sicherheitsbehälter der Reaktoren zerstört und eine sehr grosse Menge an Radioaktivität in die Umwelt freigesetzt wurde.

Da Japan für seine herausragenden Fähigkeiten im Maschinenbau, der Elektronikindustrie, der Robotertechnologie und anderen hightech Branchen bekannt ist, kann man nicht, wie bei den Sowjets, von (angeblicher) technischer Unterlegenheit sprechen. Man muss zwangsläufig auch Rückschlüsse auf die Sicherheit der Atomkraftwerke in der restlichen Welt ziehen.

Weitere schwere Unfälle und beinahe Katastrophen bestätigen diese Tatsache. Folgend eine unvollständige Auflistung:

10. Oktober 1957 Sellafield (England): Brand in einem britischen Kernreaktor bei dem erhebliche Mengen radioaktiven Materials freigesetzt wurde.

21. Januar 1969 Lucens (Schweiz): Kernschmelze und Explosion in einem Atomreaktor „made in Switzerland“. Zum grossen Glück für die Bevölkerung war der Rektor in Lucens aus militärischen Überlegungen (Kalter Krieg) vollständig unterirdisch erbaut worden. Dadurch konnte der grösste Teil der Radioaktivität zurückgehalten werden.

28. März 1979 Three Mile Island (USA): Eine durch Bedien- und Konstruktionsfehler verursachte Kernschmelze im Reaktorblock 2, in deren Verlauf Radioaktivität in die Umgebung entwichen ist.

13. März 1980 Saint-Laurent (Frankreich): Schmelze eines Kernelements, durch die das Reaktorgebäude kontaminiert wurde.

26. April 1986 Tschernobyl (heutige Ukraine): Durch Bau- und Konstruktionsfehler verursachte Kernschmelze mit anschliessender Explosion des Kernreaktors in Block 4 mit sehr grosser Freisetzung von radioaktivem Material und vielen Todesopfern.

09. April 2014 Fessenheim (Frankreich): Durch Bedienfehler wurden mehrere Bereiche des Kraftwerks mit Wasser überflutet. Dadurch wurden wichtige Sicherheitssysteme lahmgelegt. Eine Kernschmelze konnte durch die notfallmässige Zugabe von Bor ins Kühlwasser verhindert werden. (Eine Notborierung war bisher in Westeuropa noch nie notwendig geworden.)

Das Fatale an Zwischenfällen in Atomkraftwerken ist ihr Potential für extrem langanhaltende und sehr schwerwiegende Folgen. So braucht es z.B. 704 Millionen Jahre, bis Uran 235 „nur noch“ halb so stark strahlt. Als Folge der Reaktorkatastrophe in Fukushima mussten mehr als 160’000 Menschen evakuiert werden, Japan beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden auf über 180 Mrd. Franken. In der um Tschernobyl offiziell als verseucht deklarierten Zone, lebten 5 Millionen Menschen. Auch 30 Jahre nach dem Unglück sind mehr als 6’000 Quadratkilometer Land wirtschaftlich nicht mehr nutzbar (das ist mehr als dreifache Fläche des ganzen Kantons Zürich).

Die Tatsache, dass die ältesten Atomkraftwerke der Welt (Benznau I 47 Jahre und Mühleberg und Beznau II 45 Jahre alt) in der Schweiz stehen, ist nicht als positives Zeichen für ihre Sicherheit zu werten. Wie in Fukushima, kann es auch in der Schweiz zu Ereignissen (u.A. Erdbeben, Dammbrüche, Sabotage und Attacken), aber auch zu Material-, Montage-, Bedien-, Plan- und Wartungsfehler kommen, die zu GAUs führen können!

AKWs sind unrentabel und teuer

Für dieses Pro-Argument möchte ich zuerst aus dem Blick vom 03.11.2016 zitieren:

„ETH-Dozent Rudolf Rechsteiner (57), der die Studie verfasst hat, sagt: «Gemessen an Marktpreisen an der Strombörse machen Axpo und Alpiq mit ihren AKW pro Jahr 637 Millionen Verlust.»“

Und zusätzlich ein Zitat aus dem Tagesanzeiger vom 05.11.2016 anfügen:

„Die Schweizer Stromproduktion macht jährlich 2 Milliarden Verlust, (…) Das geht an die Substanz. Die Alpiq musste darum reagieren: Weil ihre AKW nicht mehr rentieren, versuchte sie, ihre Atomkraftwerke ins Ausland, konkret an Frankreich, zu verschenken.“

und anschliessend auf das Argumentarium der Befürworter verweisen.

Der geordnete Atomausstieg schafft Investitionssicherheit

Für dieses Pro-Argument möchte ich gerne erneut auf das Argumentarium der Befürworter verweisen.

Die häufigsten Argumente der Gegner:

Angebliche Versorgungsunsicherheit

Sorgen vor einem Black-out durch den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie sind unbegründet. Bereits heute sind zwei (Beznau I und Leibstadt) der fünf Kernkraftwerke  ausser Betrieb und trotzdem funktioniert unsere Stromversorgung einwandfrei. Die AKW-Leistung der beiden abgeschalteten Kernkraftwerke ist höher, als die der kleineren AKW Beznau I/ II und Mühleberg, die Ende 2017 abgeschaltet werden sollen.

Ausserdem war und ist die Schweiz durch ihre geografisch zentrale Lage schon seit jeher eine grosse Stromdrehscheibe, und somit bestens mit dem europäischen Stromnetz verbunden. Da in Europa eine grosse Überkapazität an Kraftwerksleistung vorhanden ist, wird es kein Problem sein weiterhin von Zeit zu Zeit Strom zu importieren, aber auch zu exportieren.

Wirklich Kohlestrom und Abhängigkeit?

Das in Europa, speziell in Deutschland, Strom aus Kohle erzeugt wird ist eine rein politische Entscheidung und hat mit dem Atomausstieg nichts zu tun. Denn in Deutschland stehen aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen die im Vergleich deutlich umweltfreundlichen (weniger Schadstoffe, geringere CO2-Emissionen und viel kleinerer Landverbrauch) Gaskraftwerke still. Das liesse sich schnell umkehren, wenn der Preis für CO2-Zertifikate auf ein vernünftiges Niveau erhöht werden würde. Das wäre auch für die Wasserkraftwerke eine gute Nachricht, da es ihre aktuell angeschlagene Wettbewerbsfähigkeit erhöhen würde.

Ausserdem ist es wichtig zu wissen, dass bereits heute in Europa alle 18 Tage erneuerbare Kraftwerke mit einer vergleichbaren Leistung, wie das Schweizer AKW Beznau, installiert und an das Stromnetz angeschlossen werden! Das ist gut und wichtig, wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens einhalten wollen.

Die Illusion, dass man mit Atomkraftwerken unabhängig vom Ausland ist, ist in Tat und Wahrheit nichts weiter, als -Überraschung-eine Illusion. Den sowohl der ganze Kernbrennstoff, wie auch viel Fachwissen und Know-how muss vom Ausland eingekauft werden. Die einzigen Kraftwerke, die uns wirklich unabhängig machen, sind die, die die in der Natur vorhandenen Energieflüsse für uns Menschen nutzbar machen. (Wind, Sonnenlicht, Gezeiten, Erdwärme, Biomasse, Wellen und Meeresströmungen)

Schadenersatzklagen?

Davor brauchen wir uns nicht zu fürchten. Einerseits gibt es mehrere Rechtsgutachten, die die Erfolgschancen von allfälligen Schadenersatzklagen der Kraftwerksbetreiber als sehr klein einschätzen. Bereits der gesunde Menschenverstand sagt, dass man für Kraftwerke, mit denen man jedes Jahr Verluste erzielt und die man am liebsten sogar verschenken möchte, sinnvollerweise keinen Schadenersatz fordern kann.

Weitere Informationen:

Gegner:

Die Gedanken der Gegner sind unter www.ausstiegsinitiative-nein.ch zu finden.

Befürworter:

In die Argumente der Befürworter kann man sich unter www.geordneter-atomausstieg-ja.ch vertiefen. Wer sich lieber humorvoll darüber informieren möchte, kann das mit einem Ausschnitt aus dem aktuellen Programm von Bänz Friedli tun.

Neutrale Informationen:

Wer sich möglichst neutral informieren- und einen guten Überblick erhalten möchte, kann das auf dem online Auftritt des Schweizer Radio und Fernsehen srf.ch tun.

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